Zur Geschichte der Psychotherapie

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Eine kurze Geschichte der Psychotherapie in Österreich

Elementare psychotherapeutische Praktiken sind vermutlich so alt wie die Menschheit (Kriz, 1994; Stumm, 1999). Psychotherapeutische Funktionen wurden durch die Jahrhunderte etwa in Form religiös-magischer Heilkunst von Priestern und Ärzten (Ellenberger, 1973; Condreau, 1989) wahrgenommen. Die Anfänge wissenschaftlich fundierter Psychotherapie sind allerdings erst in jüngerer Zeit zu datieren. Wiewohl van Deurzen-Smith & Smith (1996) den Beginn moderner Psychotherapie im Anschluss an Ellenberger (1973) im späten 18. Jahrhundert ausmachen (1), wird der Beginn professioneller, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhender Psychotherapie gewöhnlich an Sigmund Freuds (1856-1939) erstem umfassenden Werk Die Traumdeutung (1900) festgemacht. Als Anfangspunkt kann auch der von Joseph Breuer (1842-1925) und Sigmund Freud gemeinsam publizierte Fall der Anna O. in dem Aufsatz Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene (1893) oder mit den gemeinsamen Studien über Hysterie (1895) angesetzt werden (Kriz, 1994).
Obwohl in der Literatur kein Konsens darüber besteht, in welchem Jahr oder mit welchem Werk der Beginn wissenschaftlicher Psychotherapie anzugeben ist, herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass die Begründung der Psychoanalyse, trotz früher Vorläufer verhaltenstherapeutischer Ansätz - die jedoch anfänglich den pädagogischen und nicht den therapeutischen Aspekt in den Vordergrund stellten - zugleich auch den Beginn der modernen Psychotherapie überhaupt markiert (Kriz, 1994).


Das Wirken der Begründer der drei klassischen tiefenpsychologischen Schulen - Freud, Adler und Jung - stellt für Cohn & Farau (1987) einen Durchbruch nicht nur in der Psychotherapie, sondern in der gesamten Psychologie dar, dem seither kein Ereignis von größerer Bedeutung zur Seite gestellt werden kann. Mag diese Einschätzung im Bezug auf die akademische Psychologie hoch gegriffen erscheinen, spiegelt sich die hervorragende Bedeutung der Psychoanalyse für die Psychotherapie beispielsweise darin, dass in vielen Überblicksdarstellungen moderner Psychotherapie die Psychoanalyse bzw. die tiefenpsychologischen Strömungen üblicherweise an erster Stelle behandelt werden, wenn sie nicht alphabetisch angeordneten, historisch oder paradigmatisch systematisiert sind (Ahlers et al., 1996; Kovel, 1988; Kriz, 1994; Slunecko & Sonneck, 1999; Stumm & Wirth, 1994).

Österreich, insbesondere Wien, kommt in der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte moderner Psychotherapie eine besondere Bedeutung zu - ein Umstand, der in der (österreichischen) Literatur immer wieder hervorgehoben wird. So stellt es für Frischenschlager (1994, S. 7) "eine Welteinmaligkeit dar, dass die meisten der psychotherapeutischen Schulen wie deren Weiterentwicklungen im alten Österreich entstanden sind." Mag dieser Befund mit gewissen Einschränkungen noch einigermaßen zutreffend sein (2), grenzt die Entwicklung der Psychotherapie in Wien für Cohn & Farau bereits an ein "Wunder" (1987) (3):


"Zweimal in der Geschichte Österreichs hat es sich ereignet, daß dieses Land zum Zentrum eines weltumspannenden geistigen Prozesses wurde. Das eine Mal geschah dies in der Musik. Eine ununterbrochene Reihe großer Komponisten führte in einer zweihundertjährigen Entwicklung von Gluck, Haydn und Mozart über Beethoven und Schubert, Bruckner und Brahms, Hugo Wolf und Gustav Mahler bis hin zu Schönberg und Alban Berg. (...) Dieses Wunder hat sich aber ein zweites Mal in der österreichischen Geschichte ereignet. Vor unseren Augen, in unserer Zeit: in der Entwicklung der modernen Psychologie" (Cohn & Farau, 1987, S. 45).


Eine umfassende Aufarbeitung der historischen und sozialen Rahmenbedingungen und wohl auch Kontingenzen, welche die Stadt Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur "Geburtsstätte" psychotherapeutischer Innovationen werden ließen, kann im gegebenen Rahmen nicht erschöpfend vorgenommen werden. Dennoch ist eine überblicksartige Auseinandersetzung mit der wechselvollen Geschichte österreichischer Psychotherapie unerlässlich.

Vorwissenschaftliche Anfänge
Die Anfänge österreichischer Psychotherapiegeschichte reichen bis in die Zeit der Monarchie zurück. Zu erwähnen ist hierbei vor allem Franz Anton Mesmer (1743–1815), der mit seiner Therapie des Animalischen Magnetismus als einer der wichtigsten Vorläufer der modernen Psychotherapie, insbesondere der hypnotherapeutischen Methoden, gelten kann (Ahlers et al., 1996; Erl. der RV-PthG; zit. nach Kierein et al., 1991). Mesmer verließ Wien 1777 und versuchte seiner Methode in Paris zum wissenschaftlichen Durchbruch zu verhelfen, was allerdings misslang (Ellenberger, 1973). Diese frühe hypnotherapeutische Tradition sollte erst durch die Beschäftigung Freuds mit dem Wirken Charcots an der Schule der Salpetriere in Paris und der Schule von Nancy (Bernheim) wieder nach Wien reimportiert werden (Stumm, 1988).

Die vor Beginn des 20. Jahrhunderts verbreiteten psychotherapeutischen Methoden sind vor allem im künstlichen Somnambulismus, der Suggestion im hypnotischen oder wachen Zustand, in der karthartischen Methode und in der rational-aufmunternden Persuasion zu sehen (Stumm, 1988).

Der wissenschaftliche Diskurs um 1900
Der gesamtwissenschaftliche Diskurs gegen Ende des 19. Jahrhunderts war geprägt vom Siegszug des Darwinismus. Dieser konnte sich erst nach langem, erbittertem Kampf gegen die ebenfalls naturwissenschaftlich-empirisch argumentierten, jedoch eindeutig rassistischen Bibelauslegungen der Polygenie-Theorie, vertreten etwa von Louis Agassiz (1807-1873) und der Monogenie-Theorie, hauptsächlich vertreten von Paul Broca (1824-1880), durchsetzen (Ahlers, 1996). Diese Auseinandersetzungen deuten an, dass auch für die wissenschaftliche Tätigkeit bis zu diesem Zeitpunkt die Bibel die maßgebliche Institution war und naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die beispielsweise den Schöpfungsbericht in seiner wortwörtlichen Bedeutung in Frage stellten, vehement bekämpft wurden.


"Die Zeit, in der Freud in Wien Medizin studierte und seine ersten Arbeiten begann, ist somit gekennzeichnet durch den Höhepunkt des geistigen Pendelausschlages von einem zurückgelassenen (kirchlichen) Glaubenszeitalter in ein extrem deterministisches, mechanistisches, materialistisches und somatogenetisches Weltbild" (Ahlers et al., 1996, S. 10f.).


Dementsprechend überwog auch in Wien die organmedizinische Auffassung in der Psychiatrie, repräsentiert etwa durch Theodor Meynert (1833-1892). Doch schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist nach Ellenberger (1973) ein Aufkommen der dagegen opponierenden dynamischen Psychiatrie festzustellen.

Die psychoanalytische Revolution
Wie bereits erwähnt, ist die systematisch-wissenschaftliche Durchdringung der Psychotherapie als Verdienst Sigmund Freuds anzusehen.


"Seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Psychoanalyse waren Grundlage und Anstoß für die weitere Entwicklung und damit Ausgangspunkt für die weltweite Verbreitung der Psychotherapie" (Erl. der RV-PthG; zit. nach Kierein et al., 1991, S. 109f.).


Die Psychoanalyse begann alsbald sich zu organisieren und auszubreiten. Ab Herbst 1902 traf sich - auf Vorschlag Wilhelm Stekels (1868-1940) - wöchentlich bei Freud die Psychoanalytische-Mittwochs-Gesellschaft, der anfangs neben Sigmund Freud noch Alfred Adler (1870-1937), Max Kahane (1866-1923), Rudolf Reitler (1865-1917) und Wilhelm Stekel angehörten. 1908 fand in Salzburg der 1. Kongress für Freudsche Psychologie mit internationaler Beteiligung statt. 1910 konstituierte sich die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) im Gefolge der schon seit 1908 so bezeichneten Mittwochabend-Gesellschaft (Leupold-Löwenthal, 1990), der weitere Zusammenschlüsse psychotherapeutisch Interessierter folgten.

Ebenfalls 1910 tagte der 2. Internationale Kongress in Nürnberg, auf dem die Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) beschlossen wurde. C. G. Jung (1875-1961) wurde, auf Wunsch Freuds, zu ihrem ersten Präsidenten gewählt. Schon bei diesem Kongress zeigten sich die ersten auseinanderstrebenden Tendenzen innerhalb der, um wissenschaftliche Reputation und gesellschaftliche Anerkennung ringenden, psychoanalytischen Bewegung. Nur mit Mühe gelang es, den Zusammenhalt der wichtigsten Repräsentanten noch für ein Jahr zu wahren. Nachdem die Auffassungsunterschiede zwischen Adler und Freud unüberbrückbar geworden waren, trat Alfred Adler im Jahr 1911 endgültig aus der Psychoanalytischen Vereinigung aus und rief die individualpsychologische Bewegung ins Leben. 1912 verließ Wilhelm Stekel ebenfalls die Psychoanalytische Vereinigung, um seine aktive Methode zu propagieren (Stumm, 1988). 1913 erfolgte dann der endgültige Bruch Freuds mit seinem "Kronprinzen" und Hoffnungsträger Carl Gustav Jung. So entwickelten noch vor dem Ersten Weltkrieg – aufbauend auf und sich abhebend von den Ideen Sigmund Freuds – weitere Repräsentanzen der Tiefenpsychologie: die Individualpsychologie Adlers und die Analytische Psychologie Jungs.

Der Erste Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg beeinflusste Freuds Leben und Werk (und damit wesentlich die Entwicklung der Psychotherapie) in doppelter und durchaus ambivalenter Hinsicht. Zum einen wurden 1914 Freuds Söhne als Soldaten eingezogen und zum anderen brachten die Behandlungserfolge psychisch traumatisierter Soldaten (Kriegs-neurotiker, Kriegszitterer) erste staatliche Anerkennung für die Psychoanalyse (Reichmayr, 1983).

Blütezeit im "Roten Wien"
Obwohl nach dem Ersten Weltkrieg Armutsbekämpfung und hygienische Grundversorgung Vorrang im Gesundheitssystem hatten, erlebten sowohl die Psychoanalyse, als auch die Individualpsychologie gerade in dieser Zeit ihre erste Blüte. Die so genannten Laien, also nicht-ärztliche PsychoanalytikerInnen, wurden zur treibenden Kraft der psychoanalytischen Bewegung, während die Umtriebigkeit Adlers und seine ideologische Nähe zur in Wien regierenden Sozialdemokratie zu einer außerordentlichen Verbreitung der Individualpsychologie führten (Stumm, 1988). Während die Wiener Stadtverwaltung auch der Psychoanalyse gegenüber durchaus positiv eingestellt war, wurde diese von der katholischen Kirche und der universitären, organmedizinisch geprägten Psychiatrie heftigst bekämpft (Sterba, 1985). Die Unbill der akademischen Wiener Psychiatrie traf allerdings auch Alfred Adler. Sein Habilitationsansuchen an der Wiener Universität wurde aufgrund eines negativen Gutachtens des berühmten Psychiaters und Nobelpreisträgers, Julius Ritter Wagner von Jauregg (1857-1940), abgelehnt. Als 1926 das Handbuch der Individualpsychologie erschien, war die Individualpsychologie trotz universitärer Nichtbeachtung bereits zur Massenbewegung und ernsthaften Konkurrentin der Psychoanalyse geworden (Rattner, 2000). Die Psychotherapie befand sich insgesamt im Aufwind.


"Die Gründung des Psychoanalytischen Ambulatoriums, der individualpsychologischen Erziehungsberatungsstellen, aber auch des Psychotherapeutischen Ambulatoriums an der Wiener psychiatrisch-neurologischen Universitätsklinik, weiters die Gründung von Ehe-, Familien- und Sexualberatungsstellen, von Schulen, Horten und Kindergärten, in denen Persönlichkeiten wie Alexandra Adler, August Aichhorn, Bruno Bettelheim, Charlotte Bühler, Rudolf Ekstein, Erik Erikson, Anna Freud, Carl Furtmüller, Eduard Hitschmann, Siegfried Lazarsfeld, Otto Rank, Wilhelm Reich, Theodor Reik, Oskar Spiel, Richard Sterba und Erwin Wexberg wirkten, geben ein beredtes Zeugnis dieser Entwicklung. Da diese Pioniere der Psychotherapie aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Arbeitsfeldern kamen, konnten sie ihre unterschiedlichen Vorerfahrungen und Anregungen in die Psychotherapie einbringen. Umgekehrt reflektierten sie die von ihnen erworbene psychotherapeutische Kompetenz auf ihre ursprünglichen Arbeitsfelder wieder zurück. Dies hatte eine spürbare Verbesserung der psychosozialen Versorgung zur Folge und rückte Wien ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit" (Erl. der RV-PthG; zit. nach Kierein et al., 1991, S. 110f.).


Ungeachtet der fortschreitenden Institutionalisierung der Psychoanalyse und der Individualpsychologie, kommt in dieser Zeit auch dem später als Autogenes Training bezeichneten Verfahren, von Johannes Heinrich Schultz (1884-1970) in Deutschland entwickelt, Bedeutung zu. Zu diesem Zeitpunkt lebten und arbeiteten auch Jacob L. Moreno (1889-1974) und Viktor E. Frankl (1905-1997) in Wien. Moreno entdeckte in seinem Wiener Stegreiftheater die Wurzeln des später in den Vereinigten Staaten von ihm begründeten Psychodramas. Frankl dagegen, der bis 1927 dem Kreis um Adler angehörte (er wurde aus der individualpsychologischen Vereinigung ausgeschlossen), arbeitete nachdem er die Inhaftierung in Konzentrationslagern des Nazi-Regimes überlebt hatte, die Existenzanalyse als eigenständige Psychotherapiemethode aus (Stumm, 1988).

Psychotherapie im Ständestaat (1934-1938)
Die Ausschaltung der Sozialdemokratie im Jahre 1934 hatte für die Individualpsychologie verheerende Folgen. Versuchsschule, Beratungsstellen und Vortragstätigkeiten mussten eingestellt werden und der Verein wurde politisch kontrolliert. All das hatte eine Emigrationswelle zur Folge. Auch Alfred Adler verließ Wien im Jahr 1935 für immer (Stumm, 1988). Nur wenige IndividualpsychologInnen – unter ihnen Oskar Spiel – verblieben in Österreich. Die Psychoanalyse blieb dagegen in dieser Zeit, bis zur Machtergreifung Hitlers, weitgehend unangetastet, musste aber auf politische Neutralität achten, um die Duldung ihrer Existenz nicht zu gefährden (Huber, 1977).

"Ich übergebe dem Feuer die Schriften der Schule Freuds"
Die aufstrebende Entwicklung der Psychotherapie in Österreich wurde gegen Ende der dreißiger Jahre durch Verfolgung und Vertreibung fast vollständig zunichte gemacht. Dieser unheilvolle Tatbestand nahm 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland seinen Ausgang. Bereits im Mai 1933 wurden Freuds Werke mit dem Wortlaut "Gegen die seelenzerstörende Überschätzung des Sexuallebens - und für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe dem Feuer die Schriften der Schule Sigmund Freuds," (zit. nach Brainin & Kaminer, 1982, S. 87) offiziell verbrannt. Im selben Jahr konstituierte sich die Deutsche Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie unter Matthias Göhring, einem Cousin Hermann Göhrings. Im Unterschied zur WPV wurde die, durch den "freiwilligen" Austritt sämtlicher jüdischer Mitglieder "gereinigte", Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) 1936 in diese Gesellschaft "integriert" (Nitzschke, 1993; Brainin & Kaminer, 1994). Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen 1938 nach Österreich wurde die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgelöst, wobei die DPG die Treuhandschaft über deren Rechte, Pflichten und Vermögen übernahm (Brainin & Kaminer, 1994). Am 15. März 1938 stattete die SA dem psychoanalytischen Verlag und Freud einen "Hausbesuch" ab, konfiszierte Bücher, Gegenstände und den Großteil der Wertsachen sowie das angefundene Barvermögen. Nur Dank zahlreicher Interventionen und mit finanzieller Hilfe aus dem Ausland konnte Freud am 4. Juni 1938 nach London emigrieren. Die Psychotherapiebewegung überstand das Naziregime vor allem auf Grund der Bemühungen von August Aichhorn, Oskar Spiel und Ferdinand Birnbaum (Erl. der RV-PthG; zit. nach Kierein et al., 1991).

Der Wiederaufbau
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten nur sehr wenige der emigrierten PsychotherapeutInnen wieder nach Österreich zurück. Neben dem Misstrauen gegenüber den verbliebenen KollegInnen und der Besatzung Wiens, dürfte dafür ausschlaggebend gewesen sein, dass Österreich vertriebene Jüdinnen und Juden nicht zur Rückkehr eingeladen hatte.


"Es ging in Österreich nach der Befreiung nicht nur um eine schwierige politische Situation. Die Juden, die vorher vertrieben worden war, waren auch nicht recht erwünscht. In keinem gesellschaftlichen Bereich wurden Juden zur Rückkehr nach Österreich eingeladen" (Brainin & Kaminer, 1994, S. 97).


Mit dieser Tatsache und den Mühen des Wiederaufbaus korrespondiert der Umstand, dass bis 1965 ein abflauendes Interesse an Psychotherapie und im Speziellen an der Psychoanalyse zu verzeichnen war (Stumm, 1988). Ein langer Weg der Wiederbelebung und Regeneration begann. Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung und der Verein für Individualpsychologie wurden 1946 zwar wieder tätig, brauchten aber geraume Zeit um sich von den erlittenen Rückschlägen zu erholen. 1947 bildete sich auf Initiative von Igor Caruso eine zweite psychoanalytisch orientierte Vereinigung, der Wiener Arbeitskreis für Tiefenpsychologie. In weiterer Folge werden auch in Innsbruck (1958), Graz (1973), Linz (1973) und Salzburg (1974) Arbeitskreise installiert. Raoul Schindler, Mitarbeiter im Wiener Arbeitskreis für Tiefenpsychologie, ist es auch, der "eine der wenigen, wenn nicht die einzige nennenswerte theoretische Neuerung in die Psychotherapie bringt, die aus dem Österreich der Nachkriegszeit kommt" (Stumm, 1988, S. 183). Er entwickelte ab 1950 das Modell der bifokalen Gruppentherapie, eine Frühform der Familientherapie, in der Angehörige und Patienten noch getrennt behandelt wurden. Schindler war es auch, der 1959 den Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG) gründete.

Viktor Frankls Logotherapie fand in den USA große Verbreitung und wurde von der katholischen Kirche positiv rezipiert. In Österreich übernahm Frankl nach dem Krieg das Primariat an der Neurologie der Wiener Allgemeinen Poliklinik. Dies kann nach Stumm (1988, S. 185) auch als der Zeitpunkt gewertet werden, ab dem von der Dritten Wiener Richtung der Psychotherapie gesprochen werden kann. Die Institutionalisierung der Logotherapie in Österreich in Gestalt der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE) erfolgte allerdings erst im Jahr 1985.

Die sechziger Jahre: das erste Universitätsinstitut für Psychotherapie
Die 68er-Bewegung ging im deutschsprachigen Raum mit einer Welle von psychologischen Institutionsgründungen einher. So organisierten sich die Gruppenpsychotherapiebewegungen institutionell und es kam zur Etablierung von Lehrstühlen für Medizinische Psychologie und Psychotherapie an mehreren Universitäten. 1968 wurde unter Erich Pakesch an der Karl-Franzens-Universität Graz Österreichs erstes universitäres Institut für Medizinische Psychologie und Psychotherapie begründet (Pieringer, 1993). Gleichzeitig gewann das von Johannes Heinrich Schultz (1884-1970) im Berlin der zwanziger Jahre entwickelte Autogene Training wieder zunehmend an Bedeutung (Stumm, 1988; 1999), was 1969 zur Gründung der Österreichischen Gesellschaft für ärztliche Hypnose und Autogenes Training führte.

Die siebziger Jahre: neues Interesse und neue Methoden
Wurde in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bereits ab 1965 wieder ein verstärktes Interesse an psychoanalytischen Ausbildungen verzeichnet, war für die siebziger Jahre insgesamt eine rasante Zunahme des allgemeinen Interesses für Psychotherapie zu registrieren (Erl. der RV-PthG; zit. nach Kierein et al., 1991; Stumm, 1988). Diese Entwicklung führte nicht nur zu einem Wiedererstarken der bereits etablierten psychotherapeutischen Vereinigungen, sondern brachte auch eine Vielzahl neuer psychosozialer Einrichtungen, sowie eine inhaltliche Ausweitung der Methodenlehre mit sich. So etablierten sich in diesen Jahren beispielsweise gleich zwei verhaltenstherapeutisch orientierte Vereine: 1971 wurde die Österreichische Gesellschaft für Verhaltenstherapie (ÖGVT) gegründet, die von Salzburg aus operierende Arbeitsgemeinschaft für Verhaltensmodifikation (AVM) folgte 1974. Zugleich mit der kognitiven Verhaltenstherapie bereicherten auch humanistisch orientierte Psychotherapieschulen das bis dahin weitgehend tiefenpsychologisch dominierte Spektrum psychotherapeutischer Ansätze in Österreich.


Insbesondere die Klientenzentrierte Psychotherapie, die Gestalttherapie, die Verhaltenstherapie, die Familientherapie und das Psychodrama konnten sich innerhalb der Psychotherapie etablieren (Erl. der RV-PthG; zit. nach Kierein et al., 1991, S. 112).


Auf institutioneller Ebene ist festzuhalten, dass sich mehr als 75% der im Jahr 1988 bestehenden Behandlungseinrichtungen seit Anfang der siebziger Jahre herausgebildet haben (Stumm, 1988).

Die achtziger Jahre: Fortsetzung des Psychobooms
Der Beginn der achtziger Jahre ist gekennzeichnet durch den Auftritt weiterer psychotherapeutischer Konzeptionen, vor allem der körperorientierten Ansätze, der Transaktionsanalyse, des Katathymen Bilderlebens und einer "Renaissance" der Analytischen Psychologie C. G. Jungs. Paul Watzlawicks Beitrag zur Weiterentwicklung der System- und Kommunikationstheorie, sowie die Entwicklung des Neurolinguistischen Programmierens (NLP) sind in dieser Zeit ebenfalls von besonderer Bedeutung (vgl. Erl. der RV-PthG; zit. nach Kierein et al., 1991; Stumm, 1988). Auch an den Universitäten fand erneut eine intensivere Auseinandersetzung mit Fragen der Psychotherapie statt: Kierein et al. (1991, S. 112) sprechen davon, dass "die Psychotherapie damit Gegenstand der universitären Forschung und Lehre geworden war" und "sie sich nunmehr endgültig im Kreis der wissenschaftlichen Disziplinen etablieren" konnte. Strotzka (1982) stellt allerdings einschränkend fest, dass die niedergelassenen Versorgungsinstitutionen trotz alledem am naturwissenschaftlichen Paradigma festhielten. Strotzka war es auch, der gemeinsam mit Harald Leupold-Löwenthal, Erich Pakesch, Raoul Schindler, Wilhelm Solms, Walter Spiel und Hans-Georg Zapotoczky 1982 den schulenübergreifenden Dachverband Österreichischer Psychotherapeutischer Vereinigungen gründete (vgl. Erl. der RV-PthG; zit. nach Kierein et al., 1991). Die Ziele des Dachverbandes bestanden in der Vertretung gemeinsamer Interessen bei gegenseitigem Erfahrungsaustausch, in der Förderung wissenschaftlicher Arbeit, verbunden mit der Verbreitung psychotherapeutischer Erkenntnisse, sowie in der Schaffung pluralistisch orientierter Grundlagen für die Ausübung der Psychotherapie (vgl. Erl. der RV-PthG; zit. nach Kierein et al., 1991).

Die neunziger Jahre: das Psychotherapiegesetz
Die neunziger Jahre sind geprägt von der rechtlichen Institutionalisierung der Psychotherapie. Das am 1. Jänner 1991 zeitgleich mit dem Psychologengesetz (PG) in Kraft getretene Psychotherapiegesetz (PthG) vollzieht in konsequenter Fortsetzung der historischen Geschehnisse "nach zähem und harten Ringen und mehr als 50 Jahre nach dem Tode Sigmund Freuds die seit langem geforderte rechtliche, im gesellschaftlichen Bereich jedoch schon längst erfolgte Anerkennung von Psychotherapie als eine mit anderen gleichberechtigte wissenschaftliche Disziplin" (Kierein et al., 1991, S. 112).

Das PthG regelt, ausgehend von einer Berufsumschreibung (§ 1), die Psychotherapieausbildung und die dafür notwendigen Voraussetzungen, sowie die Anerkennung entsprechender Ausbildungseinrichtungen (§ 2-9 und § 12), bis hin zur selbständigen Ausübung von Psychotherapie (§ 10-11). Des Weiteren werden die Berufsbezeichnung Psychotherapeut bzw. Psychotherapeutin geschützt (§ 13), die entsprechenden Berufspflichten (§ 14-16) definiert und die Führung einer Psychotherapeutenliste (§ 17-19), mit allen zur selbständigen Ausübung von Psychotherapie berechtigten Personen, durch den Bundeskanzler bzw. das zuständige Gesundheitsressort, verfügt. Zur Beratung des Bundeskanzlers und zur Gutachtertätigkeit in Angelegenheiten des Psychotherapiegesetzes wird ein Psychotherapiebeirat eingerichtet (§ 20-22). Abschließend werden Strafbestimmungen (§ 23) bei Verstößen gegen das PthG verfügt, das Verhältnis zu anderen Vorschriften bestimmt (§ 24), Übergangsbestimmungen erlassen (§ 25-26) und das Inkrafttreten des PthG mit 1. Jänner 1991 festgelegt.

Das PthG reagiert in seiner Gesamtkonzeption auf den Gesundheitsbegriff der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der von der Antinomie von Gesundheit und Krankheit absieht und Gesundheit als "state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity" (WHO, 1946) definiert. Zugleich berücksichtigt es den Nachholbedarf in der Versorgungslage der Bevölkerung mit Psychotherapie (Kierein et al., 1991).


Endnoten
(1) Anm.: Es wird dabei auf Johann Christian Reils (1759-1813) im Jahr 1803 erschienenen Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen und die Ernennung Johann Christian August Heinroths (1773-1843) zum Professor für Psychotherapie im Deutschland des Jahres 1811 verwiesen.
(2) Anm.: Dass die meisten Psychotherapiemethoden in Österreich entwickelt worden seien, wie Frischenschlager (1994) meint, ist schlichtweg eine zu relativierende Übertreibung. Wenn auch zu Recht hervorzuheben ist, dass entscheidende Impulse Freuds von Wien ausgegangen und viele Psychotherapieschulen in Österreich entwickelt worden sind, so ist doch eine Vielzahl der heute gängigen Methoden bzw. derer Weiterentwicklungen im angelsächsisch-amerikanischen Raum entstanden.
(3) Anm.: Das von Cohn und Farau (1987) diagnostizierte "Wunder" sollte nicht weiter Wunder nehmen, wenn berücksichtigt wird, welche Rolle der Monarchie allein angesichts ihrer Größe zukam. Meine vorgebrachten Relativierungen rühren allerdings nicht daran, dass Österreich im Bezug auf die Entwicklung der Psychotherapie tatsächlich eine historische Schlüsselrolle zugefallen ist.


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